Die Zugfahrt von Schwerin nach Wismar ist wohl die kürzeste unserer Reise, nur knapp eine halbe Stunde ist die beschauliche 44.000-Einwohner-Stadt von Schwerin entfernt. Unsere Hosts Olga und Tim holen uns sogar mit dem Auto vom Bahnhof ab. Schwer zu finden sind sie nicht, denn es gibt hier sozusagen nur einen Bahnsteig.

Schnell das Gepäck abgelegt, wollen wir in der Stadt noch etwas essen. Doch das ist schwieriger als gedacht. Nach 20 Uhr haben die Fischrestaurants im Hafen schon Küchenschluss, von Fischbrötchenhändlern ganz zu schweigen.

Dafür glänzen unsere Hosts mit einer Menge Wissen über die Hansestadt Wismar, die übrigens zu den beliebtesten Urlaubsorten Deutschlands zählt und Weltkulturerbe ist. Wir laufen auf den Marktplatz an dessen Ende sich ein Kuppelbau erhebt. Wir lernen die Wasserkunst kennen, eine Jahrhunderte alte Pumpanlage für Trinkwasser, die einst die städtischen Brauereien versorgte. Eine Anekdote besagt, dass nachts ein kleiner Trommler in den Katakomben, die die Stadt von der Wasserkunst aus durchziehen zu hören ist. Wir wissen nicht recht, ob wir das unheimlich finden sollen oder das nur für die Musikalität der Stadt spricht.

50 Meter weiter den Platz runter beginnt eine Straße mit einem sehr außergewöhnlichen Namen. Die Tittentasterstraße findet so viel Aufmerksamkeit, dass über Monate ihr Straßenschild geklaut wurde. Seitdem ist der Straßenname nur noch auf die Fassade gemalt und sicher vor Dieben. Achso, wo dieser Name eigentlich herkommt? Früher war die Tittentasterstraße eine extrem schmale Gasse, in der man sich beim Durchlaufen nur schwer aus dem Weg gehen konnte, den Rest kann man sich denken…

Tim und Olga erzählen auch von den Kirchen der Stadt. Die größte wurde im Zweiten Weltkrieg bis auf den Turm zerstört. Jahre später entschloss man sich, die Grundmauern bis auf eineinhalb Meter wieder aufzubauen, um die Umrisse des einst riesigen Kirchenschiffes zu verdeutlichen. Seitdem ist dieser Ort gleichzeitig Mahn- und Denkmal.

Bis auf diese Ruine erscheint Wismar aber sehr intakt und überaus gepflegt. Es gibt dutzende Cafe’s und Restaurants, die älteste Apotheke Deutschlands, und das erste Karstadt-Kaufhaus aus dem 18. Jahrhundert. Viele Gründe, diesen Ort bei einer Ostseereise nicht einfach links liegen zu lassen.

Unsere Session am nächsten Tag verläuft übrigens prächtig. Es gibt viele Interessenten, vor allem auch viele Kinder und junge Menschen – Ferienzeit eben. Wir lernen einen Holländer kennen und treffen eine Dame aus dem heimatnahen Gotha.

Die kleinste Stadt auf dieser Reise erweist sich als die erfolgreichste bisher.

Danke, Wismar!